Trouble Feature auf der DIAGONALE 2019 - VALIE EXPORT trifft auf...

Der männlichen Autoritätsgesellschaft, gegen die es für die Künstlerin VALIE EXPORT im Österreich der 1980er auch im Feld des Filmischen anzukämpfen galt, tritt in ihrem dritten Spielfilm Die Praxis der Liebe eine Protagonistin gegenüber, die ihr im Öffentlichen wie Privaten offensiv die Stirn bietet. Die Arbeit wird mit einem Überraschungsfilm kombiniert, dessen Gegenüberstellung Widersprüche forciert und unerwartete Verbindungslinien zieht. Ein experimentelles Doppelprogramm, gefolgt von einer Diskussion.

 

Im Guckkasten der Peepshow werden Blicke inszeniert, nackte Körper als Projektionsflächen ausgestellt. Die Journalistin Judith Wiener (Adelheid Arndt) ist mit der Kamera auf der Reeperbahn unterwegs. Ihr an der Ökonomie der Geschlechterverhältnisse interessierter Bericht wird jedoch nie auf Sendung gehen: „Sie haben die Aufgabenstellung nicht verstanden“, meint ein Redakteur daheim in Wien. Dafür trifft sie im Spiegelkabinett eines Hamburger Hotels auf Dr. Alfons Schlögel (Rüdiger Vogler), einen ehemaligen Liebhaber. Dieser entpuppt sich als zentrale Figur eines Waffenschieberrings – und wird in der Folge zur neuen Story der engagierten Reporterin.

VALIE EXPORTs dritter Langfilm Die Praxis der Liebe ist nichtlinear erzählt, seine Handlung spinnt sich lose um den Kern eines Kriminalfalls. Die Fäden laufen in der mit Tonbandgeräten und Bildschirmen ausgestatteten Wohnung von Judith zusammen. „Eine Art Heimatgeschichte“, betitelt der Falter ein zeitgenössisches Interview mit der Regisseurin. Private und berufliche Verbindungen queren sich im Liebesdreieck von Judith, Alfons und dem Psychiater Dr. Josef Frischkoff (Hagnot Elischka). Ihren Professionen und dem dualistisch angelegten Geschlechterkampf entsprechend beobachten und reflektieren sich insbesondere Judith und Josef wechselseitig.

EXPORT verknüpft dabei eine an der Avantgarde geschulte Form mit reichlich Theorie und kühnem Gegenwartsbezug: Die österreichische Öffentlichkeit der 1980er-Jahre, konkret jene von Wien, zeigt sich als patriarchale und medial saturierte Überwachungsgesellschaft. Ein Tatort wie Ausfechtungsort der Bilder und Aufzeichnungen, kommentiert von treibender Klaviermusik und einem bluesig-sehnsüchtigen Saxophon. Presseberichte von der 35. Berlinale, bei der der Film im Wettbewerb lief, dokumentieren Buhrufe.

Die Programmierung innerhalb der Reihe “Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)” folgt dem filmkuratorischen Konzept der TROUBLE FEATURES, das darauf abzielt, im Rahmen eines Doppelprogramms inhaltliche, formal-ästhetische und ideologische Kontraste und/oder Kongruenzen zwischen aufeinanderfolgend gezeigten Filmen herzustellen. Frei nach einem Grundsatz der Montagetheorie: Wenn zwei Leinwanderfahrungen aufeinandertreffen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, entsteht eine dritte. Nur so viel sei verraten: Die Praxis der Liebe wird mit einem nichtösterreichischen Überraschungsfilm kombiniert, der eine eigenwillig-melancholische Weltanschauung entfaltet. Auf die offensive Konfrontation mit der männlichen Autoritätsgesellschaft trifft eine andere Form poetischen feministischen Kinos: Rückzug als radikale Absage an jeglichen Anpassungszwang. Ein ebenfalls oft übersehenes Glanzstück.

Im Anschluss an die beiden Screenings lädt Diskollektiv vor unbespielter Projektionsfläche zu einer experimentellen Publikumsdiskussion, die das Thema der Reihe mit dem TROUBLE FEATURE in Dialog setzt.

 

“Doch Judith, an der Schnittstelle zwischen Innenwelt und Außenwelt, ist nicht zu raten. In ihrem Leben sammelt sie die Bruchstücke ihrer Wünsche und Träume. Es gibt für sie viele Realitäten – jede davon löst sich in einer Reihe von Bildern und Images auf. Die Frage nach dem Sinn ihres oft unterschiedlichen Verhaltens ist die Suche nach dem Ausgangspunkt einer Reihe von Bildern.” (VALIE EXPORT)

 

> Zum historischen Special "Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)"


diagonale 2018: im weißen rössl + johnny guitar

"I'm sitting here in my own house, minding my own business, playing my own piano. I don't think, you can make a crime out of that."

Joan Crawford in JOHNNY GUITAR und Peter Alexander mit Waltraud Haas IM WEIßEN RÖSSL

 

Bei der Diagonale 2018 stieg die Peter-Alexander-Komödie Im weißen Rössl (1960) mit Nicolas Rays Joan-Crawford-Western Johnny Guitar (1954) als Überraschungsfilm in den Ring. Ein experimentelles Doppelprogramm mit anschließender Diskussion, frei nach einem Grundsatz der Montagetheorie: Wenn zwei Leinwanderfahrungen aufeinandertreffen, entsteht eine dritte.

 

Das diesjährige Trouble-Feature-Gastspiel war ins historische Special "Kein schöner Land" eingebettet. Als Ausgangspunkt diente mit der Operetten-Modernisierung Im weißen Rössl ein strahlendes Aushängeschild des österreichischen Tourismusfilmgenres. Die mysteriösen Gäste im Kaiserzimmer des Weißen Rössls waren auf der Leinwand des Grazer Rechbauer Kinos Vienna (the pariah) alias Joan Crawford und Johnny Guitar (the musician) alias Logan (the gunslinger) alias Sterling Hayden in Liebe vereint. Johnny Guitar – ein fantastisch-dramatischer Western um eine Salonbesitzerin, ihren Ex, ihre Feindin, faschistoide Tendenzen im ländlichen Amerika und den Fortschritt, namentlich die Eisenbahn, die sich durch Felssprengungen ankündigt, welche nicht viel mehr zum Plot beitragen, als dass sie die Pferde verschrecken.